Die zehn fetten Jahre

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Am 22. Dezember diesen Jahres zelebriert der 1. Fußballclub Magdeburg sein 50-jähriges Bestehen. Die Historie des Clubs ist dabei geprägt von Auf und Abs, Erfolgen auf internationaler Ebene und viertklassigem Fußball, großer Euphorie und Insolvenz. Das alles ist für elbsport.com Grund genug, die Geschichte der blau-weißen Kicker zum Jubiläum Revue passieren zu lassen. Heute: 1965 bis 1975 – Die Vorzeit und die erste Dekade.

Schon vor der Gründung des FCM in den Farben blau und weiß, wurde in Magdeburg nach dem zweiten Weltkrieg Fußball gespielt. Verschiedene Vereine hatten in den frühen 1950er Jahren verschiedene Namen, bis schließlich die BSG Motor Mitte als Betriebssportgemeinschaft des späteren Maschinenbaukombinats “Ernst Thälmann” etabliert wurde. 1957 wurde diese dann in den SC Aufbau Magdeburg (der heutige SCM) eingegliedert. Bis zum Aufstieg 1960 spielten die Magdeburger Fußballer stets in der zweithöchsten Spielklasse und auch nach dem Erreichen der DDR-Oberliga findet sich der Sportclub zunächst eher im Mittelfeld oder im Abstiegskampf wieder.

Kontrovers: International entscheidet der Münzwurf

Dafür lief es Mitte der Sechziger Jahre im Pokal mehr als rund: 1964 erreichte Aufbau das Finale des FDGB-Pokals in Dessau, wo nach einem 2:0-Rückstand gegen den Favoriten SC Leipzig (heute bekannt als FC Lokomotive) noch mit 3:2 gewonnen werden konnte. Der erste Titelgewinn für den Magdeburger Fußball. Mit diesem Erfolg erreichten die Elbestädter auch das erste Mal den internationalen Wettbewerb, wo ihnen der türkische Pokalsieger Galatasaray zugelost wurde. Inklusive Entscheidungsspiel trennten sich die Kontrahenten drei Mal mit 1:1 und weil es damals noch kein Elfmeterschießen gab, musste ein Münzwurf entscheiden. Doch auch wenn man meinen sollte, dass mit dieser ungerechten Methode schnell Klarheit zu schaffen sein sollte, der irrt, oder wie es der damalige linke Defensivspieler Rolf Retschlag später ausdrückte: „Wir haben den Maria-Theresia-Taler nach dem Wurf gar nicht zu Gesicht bekommen, aber die Türken sprangen alle vor Freude in die Luft.“ Somit schieden die DDR-Vertreter umstritten aus dem Wettbewerb.

Allerdings lief es im nationalen Pokalwettbewerb besser: Erneut konnte das Finale erreicht werden. Erneut geriet man in Berlin in Rückstand – diesmal gegen Motor Jena. Erneut konnte man durch einen in letzter Minute verwandelten Foulelfmeter das Spiel drehen und als erste Mannschaft überhaupt den FDGB-Pokal verteidigen.

Die Gründung des FCM geschieht mitten in der Saison

Damit durfte der SC Aufbau in der Saison 1965/66 wieder im Europapokal der Pokalsieger antreten und nachdem der FC Sion aus der Schweiz nach einem 2:2 auswärts an der Elbe mit 8:1 abgefertigt wurde (höchster Europapokalsieg der Vereinsgeschichte), wartete im Viertelfinale der Titelverteidiger West Ham United. Nach hartem Kampf konnten sich die Engländer, bei denen mit Nationalmannschaftskapitän Bobby Moore und Wembleytorschützen Geoffrey Hurst zwei Leistungsträger der wenig später den WM-Titel erringenden englischen Nationalmannschaft aufliefen, knapp mit 1:1 und 1:0 durchsetzen.

Doch schon einige Monate zuvor, Ende des Jahres 1965, geschah Wichtiges: Der 1. FC Magdeburg in seiner heutigen Form wurde gegründet. Die oberen DDR-Sportfunktionäre entschieden, dass landesweit die erfolgreichen Fußballabteilungen aus den Geamtsportvereinen ausgegliedert werden sollten. Der SC Aufbau folgte diesem Entschluss und am 22. Dezember 1965 – mitten in der Winterpause – hob man im kleinen Saal des Kulturhauses “Ernst Thälmann” den 1. FC Magdeburg aus der Taufe. Der Verein sollte nun die Farben blau und weiß, statt rot und grün haben und als gänzlich neuer Verein unter dem Namen 1. FC Magdeburg an den Start gehen. Allerdings war es um den neuen Club zu Beginn alles andere als gut bestellt, denn im Winter 1965/66 fand man sich auf dem vorletzten Tabellenplatz wieder. Auch das erste Spiel als 1. FC Magdeburg ging wenig ruhmreich mit 1:0 bei Wismut Aue verloren. Am Ende der Saison stiegen die Bördestädter mit nur 19 Toren und 19 Punkten in die zweitklassige DDR-Liga ab.

Der Wiederaufstieg und weiterer Pokal-Ruhm

So tragisch das auch gewesen sein mag, der Abstieg hatte auch etwas Gutes für den FCM. Es kam nämlich ein neuer Trainer an Elbe und Dom, niemand geringeres als Heinz Krügel. Die Maßgabe für die Saison war klar: Der sofortige Wiederaufstieg sollte her. Doch obwohl  man als Topfavorit in die Saison ging, wurde es ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen mit der BSG Post Neubrandenburg, welches erst am letzten Spieltag im direkten Duell entschieden werden sollte. Im pickepackevollen Ernst-Grube-Stadion brachte Manfred Zapf die Gastgeber in der 14. Minute in Führung, ehe Neubrandenburg nur drei Minuten später ausgleichen konnte. Es fielen keine weiteren Tore, was dem FCM reichte, um den ersten Tabellenplatz und den direkten Wiederaufstieg einzutüten.

In der Folge mischte der Aufsteiger die Oberliga auf und errang gleich im ersten Jahr nach dem Aufstieg den dritten Rang. Besser war man auch als SC Aufbau nie. Ähnlich gut lief es in der darauffolgenden Saison 1968/69: Der FCM spielte lange um den Titel, verlor aber an den letzten beiden Spieltagen, weshalb man sich wieder mit dem dritten Tabellenplatz zufriedengeben musste. Allerdings konnten die Magdeburger einmal mehr herausragende Leistungen im Pokal zeigen, sodass man am 31. Mai 1969 zum dritten Mal im Endspiel des FDGB-Pokals stand. Gegner, vor 20.000 Zuschauern im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion, war der FC Karl-Marx-Stadt, der durch Tore von Jürgen Ohm (2), Joachim Walter und Jürgen Sparwasser mit 4:0 aus dem Stadion geschossen wurde. Im Europapokal scheiterte man nach einem Weiterkommen gegen MTK Budapest in der zweiten Runde an dem portugiesischen Vertreter Academica Coimbra. In der Liga konnte man nicht an die guten Leistungen der Vorjahre anknüpfen und belegte Rang acht. In der folgenden Spielzeit landete man auf dem vierten Platz und konnte die Mannschaft mit talentierten Akteuren aus der Region weiter verjüngen, was in den Folgejahren Früchte tragen sollte.

Die goldenen 70er beginnen mit der ersten Meisterschaft

Es folgte die Spielzeit 1971/72, die zu den besten der Vereinsgeschichte zählt. Der 1. FC Magdeburg spielte oben mit und konkurrierte mit Carl-Zeiss-Jena, Dynamo Dresden und ab Frühjahr auch dem BFC Dynamo um die Tabellenspitze. Zum Rückrundenauftakt am 7. Januar gastierten die Dresdner in Magdeburg zu einem ganz besonderen Spiel, denn es war das erste unter Flutlicht im Ernst-Grube-Stadion. Nach einem torlosen Remis zur Pause brachte Siegmund Mewes die Hausherren vor 38.000 Zuschauern in der 57. Spielminute in Front, doch als Axel Tyll in der 82. Minute ins eigene Netz traf, sah es für einen Augenblick nach Punkteteilung aus. Wer das glaubte, hat aber nicht mit Wolfgang Seguin gerechnet, der nur eine Minute später den FCM wieder in Führung schoss, womit die Blau-Weißen ihre Tabellenführung gegenüber Carl-Zeiss Jena ausbauen konnten und Dynamo temporär von Rang drei auf fünf abrutschte.

Am 3. März kam dann Jena in die Festung Ernst-Grube-Stadion, wo 45.000 Zuschauer mit ansahen, wie Hans Meyers Jenaer sensationell mit 5:0 nach Thüringen zurückgeschickt wurden. Insgesamt konnten alle 13 Ligaspiele vor heimischer Kulisse siegreich gestaltet werden und am Saisonende sicherte sich die Krügel-Jungs mit dem damaligen Rekordaltersschnitt von 22,5 Jahren erstmals die DDR-Meisterschaft. Mit 22.231 strömten so viele Zuschauer wie nie zuvor und dieser Wert sollte auch bis heute nur ein Mal, in der Saison nach dem Europapokalsieg, knapp übertroffen werden.

Erster Landesmeister-Auftritt und wieder ein Pokalsieg

Das Erringen der Meisterschaft bedeutete, dass der 1. FC Magdeburg erstmals am Europapokal der Landesmeister, dem Vorgängerwettbewerb der Champions League, teilnehmen durfte. In der ersten Runde bekam man mit dem TPS Turku einen der prestigelosesten Gegner zugelost, weshalb nur 16.000 Magdeburger mit ansahen, wie die Finnen mit 6:0 auseinander genommen wurden. Nach einem 3:1-Erfolg im hohen Norden bekam man mit dem italienischen Meister Juventus im Achtelfinale einen wesentlich glamoröseren Kontrahenten vor die Nase gesetzt. Doch das bedeutete auch, dass es schwerer für die Mannen von Heinz Krügel wurde und sowohl in Magdeburg, als auch in Turin musste man sich mit 0:1 geschlagen geben.

In der Liga spielte der Titelverteidiger wieder eine gute Rolle und konnte sich hinter den beiden dominanten Mannschaften der Spielzeit, Dynamo Dresden und Carl-Zeiss Jena, auf einem guten dritten Rang einfinden. Allerdings konnte der FCM seinen Ruf als Pokalmannschaft weiter festigen und zog zum vierten Mal ins Endspiel des FDGB-Pokals ein. Wie schon beim ersten Pokalfinale der Magdeburger war das Spiel in Dessau und wieder war der Gegner Lokomotive Leipzig. Und das Resultat sollte eine weitere Parallele darstellen, denn mit seinem zweiten Treffer an diesem 1. Mai 1973 markierte Jürgen Sparwasser kurz vor Schluss den 3:2-Siegtreffer für die Magdeburger. Ein Sieg, der ein Jahr später noch viel größer werden sollte.

Die jüngsten DDR-Meister der Geschichte

In der Hinrunde der Saison 1973/74 verloren die Elbestädter nur zwei Mal und belegten zur Winterpause Rang zwei des Oberliga-Tableaus. Nachdem der FCM in den ersten zehn Partien der Rückrunde ungeschlagen blieb, belegte man weiterhin diese Position. Zu Zeiten der Zwei-Punkte-Regel lag der Club dabei nur einen Punkt hinter Hans Meyer und seinen Jenaern und punktgleich mit Dynamo Dresden. Wie es der Spielplan (wohl eher weniger zufällig) so wollte, spielten die drei Dauerkonkurrenten der frühen Siebzigerjahre an den letzten drei Spieltagen gegeneinander. Der FCM musste dabei zwei Mal auswärts antreten, weshalb die Ottostädter die vermeintlich schlechtesten Karten hatten.

Doch am 30. März konnten die Krügel-Boys im Ernst-Abbe-Sportfeld die Tabellenführung erringen, als Jürgen Pommerenke mit einem Doppelpack die 1:0-Pausenführung der Thüringer drehte. Vier Tage später schoss Detlef Raugust in der sechsten Minute das goldene Tor im Rudolf-Harbig-Stadion und die Blau-Weißen waren fast schon Meister, doch erst eine Dresdner 3:0-Klatsche in Jena und ein eigener 3:2-Sieg zu Hause gegen Vorwärts Frankfurt bedeuteten die endgültige Entscheidung und die zweite Meisterschaft für den 1. FCM. Mit 22,3 Jahren war die Meisterelf sogar jünger als jene von 1972 und damit die jüngste der DDR-Geschichte.

Auf dem Gipfel Europas

Noch Größeres sollte den Magdeburgern allerdings im Europapokal der Pokalsieger gelingen. Die Reise begann in “De Kuip” in Rotterdam, was auch das Endspielstadion dieser Saison stattfand. Dort wurde ein torloses Unentschieden gegen den NAC Breda errungen, nach einem 2:0 im Rückspiel stand der FCM im Achtelfinale. Nach einem knappen Weiterkommen in Verlängerung gegen Banik Ostrava und einem 2:0 und 1:1 gegen PFC Beroe aus Bulgarien wartete im Halbfinale mit Sporting CP aus Lissabon das erste echte Kaliber.

Auch diese Hürde konnte der FCM nehmen, errang im Estádio José Alvalade durch ein Sparwasser-Tor ein 1:1 und siegte vor knapp 35.000 daheim mit 2:1. Das zwischenzeitliche 2:0 sollte Jürgen Sparwasser einmal das “wichtigste Tor meiner Karriere” nennen. Im Finale von Rotterdam, dem ersten Europapokalfinale einer ostdeutschen Mannschaft, war die Krügel-Elf dann glasklarer Außenseiter gegen den mit Stars wie Gianni Rivera gespickten AC Mailand.

Das sollte an diesem Abend des 8. Mai 1974 keine Rolle spielen, die Magdeburger Kicker waren die bessere Mannschaft und gingen kurz vor der Pause durch ein Eigentor in Führung. In der 74. Minute erzielte Wolfgang Seguin dann das 2:0 und machte den 1. Fußballclub Magdeburg zum einzigen DDR-Europapokalsieger der Geschichte. Dieser gelang dem FCM nur mit Spielern aus dem Bezirk Magdeburg, also einer Truppe komplett bestehend aus Spielern der Region, eine selbst für den DDR-Fußball ungewöhnliche Tatsache.

Dieses Kunststück gelang sonst nur dem Celtic FC 1967. Einzig die geringe Zuschauerzahl von – je nach Quelle 4.000 bis 6.000 – ist ein fader Beigeschmack und absoluter Minusrekord für ein Europapokalfinale. Dieser Umstand sicherlich auch dem Eisernen Vorhang geschuldet, der dafür sorgte, dass nur 350 handverlesene Parteimitglieder aus Magdeburg anreisen durften. Wie dem auch sei: Es kann nicht jede Mannschaft Europas die Beste sein!

 

Kein Europäischer Supercup, aber trotzdem kommen die Bayern

Nach der Weltmeisterschaft in Westdeutschland, bei der Jürgen Sparwasser die DDR zu einem sensationellen Sieg gegen den Gastgeber und späteren Weltmeister schoss, hätte der FCM eigentlich den Europäischen Supercup gegen den Sieger des Landesmeisterpokals, den FC Bayern München, spielen sollen. Allerdings lehnte der DFV dies ab. Die Verbandsherren machten ihre Rechnung aber ohne die Losfee, die diese beiden Teams in der ersten Runde des Landesmeisterpokals aufeinander treffen ließ. Der FCM ging dabei im Olympiastadion überraschend durch Tore von Martin Hoffmann (1.) und Jürgen Sparwasser (44.) mit 0:2 in Führung, musste sich aber nach einem Doppelpack von Gerd Müller und einem Eigentor von Detlef Enge mit 3:2 geschlagen geben. Im Rückspiel bewies der “Bomber der Nation” erneut seine ungeheure Torgefahr und schoss einen 2:0-Vorsprung für die Bayern heraus, ehe Jürgen Sparwasser noch einmal verkürzen konnte.

Ende der goldenen Zeit: Die letzte Meisterschaft

Besser lief es für den Europapokalsieger in der Liga, in der der FCM seine bisher beste Saison spielte und gemeinsam mit Carl-Zeiss Jena dem Rest davonlief. Wieder legten die Verbandsfunktionäre den Spielplan so, dass die drei Topteams der damaligen Zeit Magdeburg, Dresden und Jena am Saisonende gegeneinander spielen mussten, sodass es am vorletzten Spieltag zum Showdown im Ernst-Grube-Stadion kam. Der FCM hatte zwei Punkte mehr als der Zeiss und konnte mit einer Punkteteilung den Titel verteidigen. Doch die Gäste konnten vor 40.000 Zuschauern direkt vor der Pause durch Dietmar Sengewald in Führung gehen, zum “psychologisch günstigen Zeitpunkt”, wie es immer heißt. Dies schien in dieser Partie aber nicht zu gelten und bereits in der 48. Minute gelang Martin Hoffmann der Ausgleich. Weitere Treffer fielen nicht mehr und der 1. FC Magdeburg war zum dritten Mal in vier Jahren Meister der DDR-Oberliga. Was damals noch niemand ahnen konnte: Es sollte bis heute das letzte Mal sein.

elbsport.com / Martin Leckelt

Video: Youtube

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