„Der EHF-Cup wäre etwas ganz besonderes“

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Ur-Magdeburger, Nationalspieler, Stammspieler beim SCM: Matthias Musche ist im vergangenen Jahr in der Weltspitze angekommen. Im Interview mit elbsport.com spricht der 22-Jährige über schwere Zeiten in der Jugend, das erste Training ohne Bartosz Jurecki und die Freundschaft zu den Spielern des 1. FCM.

elbsport.com: Gehen wir zurück in deine Kindheit. Wie bist du damals zum Handball gekommen?

Matthias Musche: Mein Vater war auch Handballer und schon als Baby habe ich ihm im Kinderwagen zugeguckt. Mit sechs Jahren dachte ich dann: das will ich auch machen. Ich begann, beim FSV 1895 Magdeburg zu spielen, dem Verein meines Vaters. Als ich acht war, ist mein damaliger Trainer zum SCM gewechselt und da bin ich dann mitgegangen. Ich habe fast die komplette Jugend durchlaufen und bin schließlich mit 18 in die erste Mannschaft gerutscht.

elbsport.com: Warst du in deinen Teams immer der Überflieger oder gab es auch Phasen, in denen es nicht gut lief?

Musche: Talent war schon immer da, aber es gab auch Aufs und Abs. Mit 14 oder 15 war ich beim SCM der Jüngste und Kleinste von vielen und musste für ein Jahr nach Staßfurt gehen. Irgendwann hatte ich dann einen Wachstumsschub, wodurch ich große Knieprobleme bekam. Als sich dann aber alles gelegt hat, habe ich in der Athletik extrem zugelegt und konnte meine Leistung noch erheblich steigern. In der A-Jugend lief es wieder wirklich gut und so hat es auch für größere Schritte gereicht.

elbsport.com: Wann hat sich herauskristallisert, dass Linksaußen deine Position wird?

Musche: In der Jugend habe ich eigentlich alles gespielt. In der A-Jugend viel auf Linksaußen, aber eigentlich in jedem Spiel auch eine zeitlang auf Mitte oder sogar auf Halblinks. Im Männerbereich und vor allem hier in der Bundesliga ist es aber so, dass die Rückraumspieler zwei Meter groß sind oder zumindest 15 Kilo mehr haben als ich. Da hat sich dann auf jeden Fall herauskristallisiert, dass Linksaußen meine Position sein wird.

elbsport.com: Du bist einer der wenigen Profi-Sportler, die das Privileg haben, für ihre Heimatstadt spielen zu können. Wie fühlt sich das an?

Musche: Das ist natürlich durchaus eine super Sache. Ich habe hier meine Familie und meine Freunde. Ich gehe jeden Tag zu Mittag bei meiner Oma essen, meine Eltern wohnen einen Kilometer entfernt von mir. Das ist alles schon wirklich cool. Und der SCM ist mir echt ans Herz gewachsen. Ich kenne hier alles, ich kenne viele Leute, die in die Halle kommen. Ich denke, das gefällt auch den Fans, dass so ein Magdeburger Eigengewächs hier spielt. Das ganze ist natürlich eine extrem tolle Sache.

elbsport.com: Kommen wir zur vergangenen Saison. Mit Platz vier habt ihr eine der besten Platzierungen seit Jahren erreicht. Wie ist euch das gelungen und was hat Geir Sveinsson damit zu tun?

Musche: Die letzte Saison war wirklich gut. Geir hat einiges umgestellt, wie zum Beispiel das Krafttraining. Er hat seine ganz spezielle Art, die wirklich sehr gut angekommen ist in der Mannschaft. Den Sprung auf Platz vier haben wir letztendlich geschafft, weil wir eine Konstanz hatten, die uns zuvor oft fehlte. Gegen alle Absteiger haben wir zuhause und auswärts gewonnen. Und dort werden am Ende die Plätze ausgemacht.

elbsport.com: Bei einem sehr verrückten Hin- und Her gab der europäische Handballverband dem SCM zunächst eine Wildcard zur Teilnahme an der Champions League und zog diese später wieder zurück. Wie hast du das ganze erlebt?

Musche: Wir haben uns ja für den Europapokal qualifiziert. Dann gab es einen Ausschlag nach oben und kurzzeitig hieß es, dass wir Champions League spielen dürfen. Da haben wir uns kurzzeitig gefreut, aber als die schlechtere Nachricht wieder kam, war es auch kein Beinbruch. Die Champions League wäre ein super Schritt gewesen, aber es wären noch ein paar Spiele mehr und es hätte sicherlich auch Substanz gekostet. Dazu muss man noch sagen, dass wir in der Champions League wahrscheinlich keine Titelchance gehabt hätten. Beim EHF-Cup sind Chancen da, einen Titel zu holen, was für die Stadt und für uns etwas ganz besonders wäre. Von daher ist das auch so ok, und wir versuchen mit aller Macht im EHF-Cup etwas gutes zu erreichen.

elbsport.com: Am Donnerstag hat die Saisonvorbereitung begonnen. An was werdet ihr arbeiten, bis es Ende August mit der neuen Saison losgeht?

Musche: In der ersten Woche müssen wir erstmal ein bisschen reinkommen. Wir haben eine kleine Leistungsdiagnostik, in der wir schauen, wo wir athletisch stehen. In den nächsten Wochen werden dann im Bereich Athletik, Ausdauer und Kraft die Grundlagen gelegt. Danach kommen einige Vorbereitungsspiele, in denen wir uns taktisch finden wollen. Wenn es dann am 22. oder 23. August mit der ersten Bundesliga-Partie losgeht, wollen wir in allen Bereichen gefestigt sein.

elbsport.com: Ihr habt mit Finn Lemke, Michael Damgaard und Zeljko Musa drei Neuzugänge verpflichtet. Was kannst du uns über sie erzählen?

Musche: Vom sehen her kannte ich sie schon vorher. Michael Damgaard und Zeljko Musa habe ich bei der WM in Katar schon zugeguckt. Und mit Finn habe ich mit 18 und 19 in der Juniorennationalmannschaft gespielt. Man kennt sich also schon und weiß, was einen erwartet. Man kauft ja keine Katze im Sack, das sind schon alles vernünftige Spieler. Wir erhoffen uns natürlich, dass sie uns mit ihren Qualitäten einen guten Schritt voran bringen.

elbsport.com: Wie hat sich der erste Trainingstag ohne Bartosz Jurecki angefühlt?

Musche: Bartosz war noch kurz da und hat sich blicken lassen hier im ersten Training. Nichtsdestotrotz ist es natürlich schade, dass er nicht mehr bei uns spielt. Er ist ein guter Typ, ein guter Mensch, ein guter Charakter. Aber es geht weiter. Manchmal muss etwas gutes aufhören, damit vielleicht etwas besseres noch beginnen kann. So ist das Sportlerleben und damit leben wir auch alle.

elbsport.com: Kannst du schon sagen, was ihr für Ziele für die nächste Saison habt? Wollt ihr vielleicht die Top-drei angreifen?

Musche: Also erstmal ist das noch gar nicht geklärt, weil wir uns da nochmal hinter verschlossenen Türen zusammensetzen müssen. Da klären wir, was wir als Mannschaft für realistisch halten, was wir erreichen wollen, und wo die Schwerpunkte liegen. Vorher kann ich natürlich nichts genaues sagen, wenn wir überhaupt etwas dazu sagen werden. Was meine Meinung betrifft, wäre es aber schon eine gute Sache, wenn wir überhaupt den vierten Platz bestätigen können. Durch den EHF-Cup werden es in der nächsten Saison viel mehr Spiele, da kannst du auch an Substanz verlieren. Wenn wir im EHF-Cup spielen und da ein bisschen was erreichen, wäre der vierte Platz also schon eine sehr tolle Sache.

elbsport.com: Du spielst in der Nationalmannschaft zusammen mit Uwe Gensheimer, dem vielleicht besten Linksaußen der Welt. Schaust du dir etwas von ihm ab?

Musche: Es ist natürlich so, dass du viele Handballspiele siehst und dir auch von vielen Linksaußen etwas abguckst. Nichtsdestotrotz bist du selbst Bundesligaspieler und versuchst, deine eigene Art durchzusetzen. Natürlich guckt man da, wie Uwe Gensheimer wirft, aber zu viel kann man da auch nicht abschauen. Der hat ein Handgelenk, das angeboren ist, und macht unglaubliche Sachen. Das brauche ich gar nicht erst zu versuchen, da würde ich mir wahrscheinlich die Hand brechen. Aber was die Abwehr angeht oder die Routine, da kann man schon mal ein bisschen gucken, was er so macht.

elbsport.com: Hast du denn ein anderes Vorbild, dass du dir schon immer gerne angeschaut hast?

Musche: In der Jugend habe ich immer Christian Zeitz nachgeeifert. Den fand ich als Handballer extrem cool, weil er so unberechenbar war. Er hat sich auch nicht so eine Platte gemacht. Es ist ja schon so, dass wir Druck haben, gut spielen zu müssen. Die Leute wollen, dass du gewinnst und du spielst natürlich auch für einen neuen Vertrag und musst dich beweisen. Wie Christian Zeitz diesem Druck getrotzt hat, wie er sein Ding durchgezogen hat, das hat mich schon immer beeindruckt. Dazu hatte er natürlich immer eine sehr hohe Qualität – er ist Weltmeister und Champions-League-Sieger.

elbsport.com: Seit einiger Zeit verbindet euch SCM-Spieler eine Freundschaft mit den Fußballern des 1. FC Magdeburg. Wie ist das ganze entstanden?

Musche: Das kam daher, dass wir nach einem Spiel mal in der gleichen Bar saßen. Sie haben uns gleich zu sich gewunken, gefragt wie es läuft und so haben wir ein bisschen miteinander gequatscht. Dann haben wir uns mal auf dem Weihnachtsmarkt getroffen und uns auch regelmäßig bei den Spielen besucht. Ich bin so oft da, wie es meine Zeit mir erlaubt. Ich versuche, vor allen Dingen bei den Derbys dabei zu sein. Ich habe schon gesehen, dass wir nicht kommen können, wenn sie am 3. Spieltag gegen Halle spielen. Das ist schade, aber so oft wie es geht sind wir natürlich da.

Es ist schwer zu sagen, was ich ihnen für die dritte Liga zutraue, weil ich jetzt auch kein Fußballfachmann bin und nicht weiß, wie groß der Qualitätsunterschied zwischen dritter und vierter Liga ist. Allerdings sind sie in der letzten Saison mit einer unglaublichen mannschaftlichen Geschlossenheit aufgetreten. Das hat mich schon begeistert, wie die immer gekämpft haben. Wenn sie wieder über diese Tugenden kommen, dann ist einiges möglich. Mich persönlich macht es natürlich traurig, dass mein guter Kumpel Nico Hammann nicht mehr da ist. Wenn es dem FCM gelingt, ihn mit seinen guten Standards und Flanken zu ersetzen, dann sind sie sehr gut aufgestellt, denke ich.

Interview: Mattis Nothacker

Fotos: Cindy Schoof

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