Die Wendejahre: Eine Zeit des Umbruchs

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Am 22. Dezember diesen Jahres zelebriert der 1. Fußballclub Magdeburg sein 50-jähriges Bestehen. Die Historie des Clubs ist dabei geprägt von Auf und Abs, Erfolgen auf internationaler Ebene und viertklassigem Fußball, großer Euphorie und Insolvenz. Das Alles ist für elbsport.com Grund genug die Geschichte der Blau-Weißen Kicker zum Jubiläum Revue passieren zu lassen. Heute: Die Jahre 1985-1995. Eine Zeit des Umbruchs.

Für den 1.FC Magdeburg endete die Saison 1984/1985 mit einem Paukenschlag. Joachim Streich, in den vorherigen zehn Jahren tragende Säule im Spiel der Magdeburger, entschloss sich nach 237 Pflichtspielen und 171 Toren für den FCM seine Karriere zu beenden. Der damals 33 Jährige sollte jedoch zunächst in Diensten des Clubs bleiben. So trennte sich die Vereinsführung nach drei mäßig erfolgreichen Jahren von Trainer Claus Kreul. Nationale und internationale Erfolge waren unter ihm ausgeblieben. Ausnahmespieler Streich übernahm den Posten – wie schon bei seinem Wechsel aus Rostock nicht ganz freiwillig. Unter seiner Leitung, so erhoffte man es sich zumindest, sollte der Verein wieder an die Spitze der DDR-Oberliga zurückkehren. Ein Umbruch sollte her.

Joachim Streich versucht sich als Trainer

Diese Aufgabe gestaltete sich allerdings deutlich schwerer als gedacht. Zwar gelang es Streich in seiner ersten Saison einige stark umworbene Talente wie Heiko Bonan, Damian Halata oder Markus Wuckel im Profikader zu etablieren, der nachhaltige Aufschwung ließ jedoch weiter auf sich warten. Gestandene Führungsspieler blieben dagegen Mangelware. Unlängst hatte man den Anschluss zu Konkurrenten wie dem Berliner FC Dynamo oder Lokomotive Leipzig verloren. Auch ein frühes Ausscheiden im Europapokal musste Streich in der Spielzeit 1985/1986 hinnehmen. Ähnlich erfolglos verlief auch die darauffolgende Saison 1987/1988. Der Umbruch drohte augenscheinlich zu misslingen. Sowohl in der DDR-Oberliga als auch im FDGB-Pokal schienen Titel ausser Reichweite. Zwischen Anspruch und Realtät klaffte zu diesem Zeitpunkt eine große Lücke. Doch die Vereinsführung hielt an Joachim Streich fest. Trotz der sportlich ernüchternden Zeiten begleiteten weiterhin über 10.000 Zuschauer den 1. FC Magdeburg bei seinen Heimspielen.

Wirklich honoriert werden sollte dies erst in der Saison 1989/1990, der 42. Oberligaspielzeit. Denn auch die Vorsaison hatte keinen sportlichen Ertrag einbringen können. Abgeschlagen auf dem sechsten Rang verfehlte man erneut die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb und auch im Meisterschaftsrennen musste man Konkurrenten früh Tribut zollen.Wieder ging der Meistertitel an Dynamo Dresden. Der FCM schien im sportlichen Mittelmaß angekommen, ehe die besagte Spielzeit 1989/1990 den Osten noch ein Mal eines besseren belehren sollte.

Ein letztes Mal Europapokal

Nur knapp entging dem 1. FC Magdeburg in dieser Saison die Meisterschaft. In 21 der 26 Oberligapartien der Saison 1989/1990 konnte das Team von Joachim Streich Punkte einfahren. Seine Mannschaft hatte zu einer neuen Effektivität gefunden und begeisterte die Oberliga. Mit dem FC Karl-Marx-Stadt und der SG Dynamo Dresden lieferte sich der FCM ein enges Rennen um die Meisterschaft, das bis zum letzten Spieltag dauern sollte. Am 26. Mai 1990 kam es schließlich zum alles entscheidenden Duell zwischen dem FC Karl-Marx-Stadt und dem 1. FC Magdeburg. Auf gegnerischem Boden mussten die Magdeburger vor rund 16.000 Zuschauern im Stadion an der Gellertstraße antreten. Ein Duell, an das die Magdeburger sich bis heute wohl nur ungern zurückerinnern. Denn erneut endete das Spiel zu Ungunsten des 1. FC Magdeburg. Als in der 52. Minute des umkämpften Duells Arnd Spranger auf Seiten des FCK zum 1:0 traf, besiegelte er damit zugleich das Ende aller Meisterschaftsträume der Magdeburger. Letztendlich reichte es nur für Platz Drei. Immerhin hatte sich das Team von Joachim Streich damit für den internationalen Wettbewerb zurückgemeldet.

Dass diese Auftritte bis heute die Letzten auf dem internationalen Parkett sein würden, damit rechneten damals nur die Wenigsten. Und so wurden die Duelle gegen den finnischen Klub Rovaniemi PS und die Franzosen von Girondins Bordeaux zu unvergessenen Höhepunkten der Vereinsgeschichte.

Niederschläge nach der Wende

Mit der Wende erlebten die Vereine der DDR-Oberliga massive Veränderungen. Die neue Offenheit der Grenzen ermöglichte den Spielern und Funktionären aus der DDR ab der Saison 1990/1991 nun auch Wechsel in die wirtschaftlich stärker aufgestellte BRD. Dies hatte zur Folge, dass in der kommenden Jahren viele Leistungsträger und Talente von Vereinen aus dem Westen abgeworben wurden. Unter ihnen beispielsweise Matthias Sammer, Ulf Kirsten (beide Dynamo Dresden), Thomas Doll oder Andreas Thom (BFC Dynamo). Auch Joachim Streich, FCM-Torwart Dirk Heyne und FCM-Defensivmann Dirk Schuster zog es zur Spielzeit 1990/1991 in den Westen. Sie wechselten beispielsweise Eintracht nach Braunschweig oder zu Borussia Mönchengladbach. So wurde der Kader des 1. FC Magdeburg, aber auch der vieler anderer Ostklubs, innerhalb kürzester Zeit deutlich geschwächt. Zugleich offenbarte die Wende ihre vergleichsweise geringe ökonomische und sportliche Wettbewerbsfähigkeit.

Als zur Saison die Eingliederung der Ostklubs in eine gesamtdeutsche Bundesliga erfolgen sollte, entwickelte man die 2+6-Regel. Eine Regelung, die für den Ostfußball und seine Vereine einen weiteren Nackenschlag darstellte. Bis heute wird die 2+6-Regel kontrovers diskutiert. Sie beinhaltete die Auflösung der bestehenden DDR-Oberliga und die Neuordnung der Bundesliga. Lediglich der Erst- und Zweitplatzierte hatten demnach einen Startplatz in der ersten Bundesliga sicher. Die anderen DDR-Oberligavereine mussten eine Qualifikationsrunde für die zweite Bundesliga durchlaufen. So auch der 1. FC Magdeburg, der nach einer beeindruckenden Saison 1989/1990 mit großen Erwartungen in die letzte Oberligasaison 1990/1991 startete. Mit Siegmund Mewes, der Joachim Streich nach dessen Weggang ersetzen sollte, hatte der Club einen neuen Hoffnungsträger für die Trainerposition gefunden. Der neue Elan schien jedoch bald zu verschwinden. Unter Siegmund Mewes war der FCM nur selten siegreich. Zu groß waren die Neuerungen im Kader des 1. FC Magdeburg. Auch wenn, so hört man es immer wieder, die Spieler und der Verein das Zeug gehabt hätten, in der Bundesliga mitzuspielen.

Das Ende der Ära Streich

Am Ende der Saison fand sich der FCM auf Platz 10 wieder – und erhielt damit noch nicht einmal einen Platz in der zweiten Bundesliga. Im Gegenteil: Beim Club nahm der sportliche Niedergang seinen Lauf. Von nun an gehörte man der drittten Spielklasse, der Oberliga Nordost-Mitte an. Siegmund Mewes verließ die Sachsenimage053-2-Anhalter. Auch Joachim Streich, der als erster Trainer von der DDR in der BRD wechselte, musste Eintracht Braunschweig nach nicht einmal einem Jahr wieder verlassen. Sein Weg führte ihn zurück nach Magdeburg, wo er ab der Saison 1991/1992 erneut den Post des Cheftrainers bekleidete. Zwar spielte der Verein in der neuen Spielklasse zunächst eine ordentliche Rolle, die Rückkehr in höhere Ligen schien jedoch unrealistisch. Den Verantwortlichen beim 1. FC Magdeburg war dies zu wenig. Sie beendeten die Zusammenarbeit bereits nach einigen Monaten, am 23. März 1992, wieder. Es war zugleich das unrühmliche Ende der „Ära Streich“.

Fortan fehlte die Kontinuität beim FCM. Wolfgang Grobe, der als Trainer auf Joachim Streich folgte, blieb ebenfalls nur wenige Monate im Amt. Mit Jürgen Pommerenke war eine vielversprechende Lösung in Sicht. Pommerenke, selbst 15 Jahre als Mittelfeldregisseur bei den Magdeburgern aktiv, kannte den Club und das Umfeld wie kaum jemand zuvor. Dass auch er und der Verein nach gut einem Jahr getrennte Wege gingen, schien angesichts der sportlichen Niederschläge der Wendejahre, fast nur eine Randnotiz. Nach einer Neustrukturierung der Liga rutschte der 1. FC Magdeburg zur Saison 1994/1995 sogar in die Viertklassigkeit ab.

Unvergessene Pokalauftritte

Der einst so bedeutungsvolle 1. FC Magdeburg galt weiter als Aushängeschild seiner Stadt und einer ganzen Region, doch seine über die Landesgrenzen hinaus reichende Bekanntheit untermalte der Club nur noch selten. So waren es in diesen Jahren besonders die Auftritte im DFB Pokal, mit denen der FCM auf sich aufmerksam machte. Unvergessen ist der Sieg aus dem Pokalspiel gegen Wuppertal im August 1993, bei dem die Sachsen-Anhalter erst nach dramatischem Elfmeterschießen (8:7 n.E.) gewinnen konnten. Bis heute ist der Verein wegen solcher Spiele deutschlandweit als Pokalschreck bekannt. Und vielleicht waren es gerade diese Spiele, die den Verein durch den Schockzustand nach der Wende getragen haben.

elbsport.com / Thomas Regniet

Foto: Philipp Schöner, Oliver Wiebe

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