1995-2005: In den Niederungen des Amateurfußballs

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Am 22. Dezember diesen Jahres zelebriert der 1. Fußballclub Magdeburg sein 50-jähriges Bestehen. Die Historie des Clubs ist dabei geprägt von Auf und Abs, Erfolgen auf internationaler Ebene und viertklassigem Fußball, großer Euphorie und Insolvenz. Das Alles ist für elbsport.com Grund genug die Geschichte der Blau-Weißen Kicker zum Jubiläum Revue passieren zu lassen. Heute: Die am wenigsten erfolgreiche Dekade, in der der FCM zwischen Dritt- und Viertklassigkeit pendelte.

Im Jahr 1995 war es nicht gut bestellt um den 1. FC Magdeburg: Noch unter den negativen Auswirkungen der Wende und der “Fußball-Einheit” leidend fand man sich in der Nordstaffel der viertklassigen Oberliga Nordost wieder. Doch nach einem unspektakulären neunten Platz sollte es für den einstigen Europapokalsieger wieder aufwärts gehen.

Im Sommer 1996 holte der neue Präsident Eckard Meyer mit dem Weltenbummler Hans-Dieter Schmidt einen neuen Manager und ab September auch Trainer an die Elbe. Saisonziel war der Aufstieg in die Regionalliga, innerhalb von zehn Jahren sollte es in Magdeburg Bundesligafußball in einem modernen Stadion zu sehen geben. Dem neuen starken Mann standen mit Spielern wie Marcel Maltritz und Christian Lenze einige Talente aus dem eigenen Nachwuchs sowie mit beispielsweise Rückkehrer Frank Lieberam einige gestandene Profis zur Verfügung. Der FCM wurde innerhalb der Oberliga Nordost in die Südstaffel versetzt.

Da mit dem SV Fortuna ein anderer Magdeburger Verein in die Oberliga aufstieg, musste der Club erstmals Ligaspiele gegen einen Stadtkonkurrenten austragen. Die Spielzeit entwickelte sich zu einem Dreikampf um den Aufstiegs- und den Aufstiegsrelegationsrang, der FCM konkurrierte mit dem Traditionsverein Dresdner SC, unter anderem Deutscher Meister 1943 und 1944, sowie überraschenderweise mit dem Stadtrivalen Fortuna. Nach durchwachsenem Saisonstart berappelte sich das Magdeburger Team und hatte es zwei Spieltage vor Schluss in der eigenen Hand. Zahlreiche mitgereiste Fans sahen in Bischofswerda zwar nur ein 1:1, doch weil der DSC und die Magdeburger Fortuna gegeneinander spielten, behaupteten die Blau-Weißen den Spitzenrang.

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Das Ernst-Grube-Stadion

Die Entscheidung sollte also am letzten Spieltag fallen, der FCM hatte einen Punkt mehr als Dresden und zwei Punkte mehr als der Verein aus der Neustadt, musste also gewinnen, wollte man nicht auf Schützenhilfe angewiesen sein. Am 25. Mai 1997 war der FSV Hoyerswerda im Ernst-Grube-Stadion zu Gast, eine Mannschaft aus dem unteren Mittelfeld. Die erste halbe Stunde konnten die Gastgeber nicht treffen und da der Dresdner SC in Führung ging, zeigte die Blitztabelle die Tabellenführung und den damit verbundenen direkten Aufstieg. In der 31. Minute war es dann aber der spätere Bochumer Bundesligaprofi Marcel Maltritz, der per Kopf die Führung erzielte. Dies sollte das einzige Tor des Tages bleiben, womit der FCM den angestrebten Regionalligaaufstieg realisieren konnte. Insgesamt stellte der FCM neben der besten Defensive der Liga auch die torgefährlichste Offensive der Liga. Wichtigen Anteil daran hatte der polnische Angreifer Arkadiusz Żarczyński, der Torschützenkönig der Oberliga Nordost wurde.

Die Qualifikation für die zweigleisige Regionalliga misslingt

In der Spielzeit 1997/98 traf der 1. FC Magdeburg in der Regionalliga Nordost auf einige alte Bekannte aus DDR-Oberligazeiten. So kreuzte sich der Weg des siebenmaligen FDGB-Pokalsiegers unter anderem nach mehreren Jahren wieder mit Rot-Weiß Erfurt, Erzgebirge/Wismut Aue, Sachsen/Chemie Leipzig, dem BFC Dynamo, dem Chemnitzer FC und auch Dynamo Dresden. Dem Aufsteiger gelang dabei mit dem 12. Tabellenplatz und fünf Punkten Vorsprung auf die Abstiegsränge der Klassenerhalt. Noch erfolgreicher war Magdeburg im Sachsen-Anhalt-Pokal, in dem es am 29. Mai in Dessau gegen Lok Stendal ging. Der FCM behauptete seine Stellung als Nummer 1 in Sachsen-Anhalt souverän und ließ Stendal beim 4:1 keine Chance, womit der Verein zum zweiten Mal den Landespokal gewann und damit auch die Qualifikation für den DFB-Pokal erreichte. In der neuen Regionalligasaison gehörte der Club dann zu den Topteams der Liga und erreichte punktgleich mit 64 Zählern vor dem FSV Zwickau den dritten Tabellenplatz. So richtig mit dem Aufstieg hatte man dennoch nichts zu tun, denn der Chemnitzer FC auf dem einzigen Aufstiegsrelegationsrang hatte am Ende der Saison 13 Punkte mehr auf dem Konto. Im DFB-Pokal empfing der Club den damaligen Zweitligisten KFC Uerdingen und musste sich knapp mit 1:2 geschlagen geben.

 

Da im Sommer 2000 die Regionalligen reformiert und von vier auf zwei Staffeln reduziert wurden, musste man in der Regionalliga Nordost in der Saison 1999/00 einen der ersten sechs Plätze belegen, um direkt die Klasse zu halten oder auf Platz sieben abschließen, die zu den Play-Offs für die neue Regionalliga Nord berechtigten. Nach dem dritten Platz im Vorjahr und einigen Neuverpflichtungen machte man sich im Umfeld des 1. FC Magdeburg große Hoffnungen, sich zu qualifizieren. Allerdings lief die Spielzeit nicht wie erhofft, bereits im Herbst wurde Hans-Dieter Schmidt als Trainer entlassen und am Ende der Saison belegten die Blau-Weißen lediglich Rang zehn, mit zehn Punkten Rückstand auf die Qualifikationsplätze für die neue Regionalliga, womit der 1. FCM erneut den Gang in die Viertklassigkeit antreten musste. Auch im Landespokal lief es für die Bördestädter nicht gut, denn im Viertelfinale scheiterte man am Ligakonkurrenten VfL Halle. Jedoch konnte die Reserve des 1. FC Magdeburg sensationell bis ins Finale vordringen, wo wieder der VfL Halle wartete. Am 1. Juni des Milleniumsjahres behielt der FCM II mit 3:2 die Überhand, womit sich der 1. FC Magdeburg doch noch für den DFB-Pokal qualifizieren konnte. Das sollte sich ganz besonders lohnen.

Pokalschreck 1. FC Magdeburg

Nach dem Verpassen der Regionalligaqualifikation startete der FCM 2000/01 wieder in der Oberliga NOFV-Süd. In der Viertklassigkeit warteten aber einige namhafte Gegner: neben dem VfB Leipzig und dem FSV Zwickau auch der große Rivale Dynamo Dresden und erstmals seit längerer Zeit auch wieder der Hallesche FC. Nach einer 1:2-Auftaktpleite in Bischofswerda spielte sich der FCM in einen Rausch, schlug unter anderem Dresden auswärts mit 3:0 und im Ernst-Grube-Stadion mit 2:1. Noch weniger Erbarmen hatte man mit dem Erzfeind von der Saale, der im September mit 7:0 zurück in den Süden des Bundeslandes geschossen wurde und auch im März im eigenen Stadion gegen den FCM kein Land sah und sich mit 1:5 geschlagen geben musste. Insgesamt gewann der FCM 26 von 34 Ligaspielen in dieser Saison und schoss dabei sagenhafte 120 Tore.

Am 28. April 2001 gastierte man beim ersten Verfolger aus Leipzig, der dem FCM im Hinspiel eine von vier Niederlagen der Saison beibringen konnte und nur vier Punkte weniger hatte als der FCM. Doch vor 8.050 Zuschauern im Bruno-Plache-Stadion, davon etwa ein Viertel aus der Stadt an der Elbe, zeigte die famose FCM-Offensive dieser Spielzeit am 30. Spieltag einmal mehr ihre Stärke und schoss bereits zum Pausenbier eine 4:0-Führung heraus. Nach der Pause gelang den Gastgebern ein Doppelschlag, doch ein weiteres FCM-Tor stellte den 5:2-Endstand her. Der Magdeburger Akteur Armado Zandi soll nach dem Spiel gesagt haben, dass er sich das schwieriger vorgestellt hätte. Damit hatte die Truppe von Trainer Eberhard Vogel vier Spiele vor Saisonende sieben Punkte Vorsprung und machte mit einem 1:1 am 32. Spieltag in Riesa den Aufstieg perfekt. Am Ende hatte Magdeburg 82 Punkte, sieben mehr als der VfB Leipzig auf Rang zwei und 19 Punkte mehr als der VFC Plauen auf dem dritten Rang. Doch selbst mit einer derart dominanten Performance war der Club noch nicht aufgestiegen, denn es warteten noch zwei Aufstiegsrelegationsspiele gegen den Sieger der Nordstaffel, den BFC Dynamo.

Der einstige Günstlingsclub der DDR-Staatssicherheit hatte die Nordstaffel ähnlich dominiert wie der FCM den Süden und holte mit 85 Punkten aus 34 Spielen sogar noch mehr Punkte als die Magdeburger. Am 2. Juni 2001 reisten 3.000 Magdeburger in den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark nach Ost-Berlin. Das Spiel gilt bis heute als Skandalspiel, weil aus beiden Kurven Böller und Bengalos aufs Feld flogen und die Partie mehrfach unterbrochen werden musste. Am Ende konnte sich der FCM nach gutem Start bei Keeper Miroslav Dreszer bedanken, dass es am Ende 0:0 stand, denn nachdem Marcel Rozgonyi bereits in der 17. Minute wegen Nachtretens vom Platz flog, musste der 1. FCM die meiste Zeit der Partie in Unterzahl spielen. Eine Woche später sollte im Ernst-Grube-Stadion also die Entscheidung fallen und diesmal sollten die Mannschaften auch zeigen, weshalb sie zusammen 212 Tore in der Oberligasaison schossen. Nachdem Magdeburg zwei Mal in Führung ging und der BFC zwei Mal egalisierte, schoss Jovanovic in der 73. Minute das 3:2, zwei weitere Treffer  folgten und der FCM stieg wieder in die Regionalliga auf. Der BFC, mit einem gewissen Mario Kallnik auf dem Platz, musste ein Jahr nach dem verpassten Aufstieg Insolvenz anmelden und in die Verbandsliga zwangsabsteigen. Doch auch Magdeburg hatte den famosen Aufstieg mit einem zu teuren Kader bezahlt, sodass circa fünf Millionen Mark für die Regionalligalizenz fehlten. Diese konnte nur unter hohem Aufwand durch Spenden und Bankbürgschaften aufgebracht werden.

Mindestens ebenso erfolgreich war der 1. FC Magdeburg in dieser Spielzeit in den Pokalwettbewerben. Neben einem erneuten Sieg im Landespokal, mit 3:0 im Finale gegen den VfB IMO Merseburg diesmal wieder durch die erste Mannschaft, sollte man sich einen Namen als Favoritenschreck im DFB-Pokal erarbeiten und so erstmals nach der Wende bundesweit in den Fußballmedien auftauchen. Zunächst gastierte der 1. FC Köln an der Elbe. Der Bundesligist musste gleich in der 3. Minute einen Rückstand wegstecken, als Armando Zani den Außenseiter vom Punkt in Führung brachte. Nach dem raschen Ausgleich der Rheinländer ging Magdeburg bereits in der 13. Minute erneut in Front. Mit einem Papic-Doppelschlag nach der Pause konnte Blau-Weiß dann vor den 8.000 Zuschauern auf 4:1 erhöhen und sollte am Ende mit 5:2 siegreich bleiben und so auf furiose Art und Weise in die zweite Runde einziehen. Als nächstes sollte niemand geringeres als der FC Bayern München in der Börde antreten. Natürlich war diese Begegnung ein riesiges Ereignis in Magdeburg, 26.000 Zuschauer waren an diesem 1. November 2000 im ausverkauften Stadion. Keine 30 Jahre nachdem es im Landesmeisterpokal zu zwei Aufeinandertreffen kam lieferte der 1. FC Magdeburg gegen Kahn, Elber und Co. eines der besten Spiele der Vereinsgeschichte ab. Bayern dominierte zwar die Partie, aber die Magdeburger hielten wacker dagegen und als Adolfus Odofile in der 66. Minute das 1:0 schoss, brachen alle Dämme. 13 Minuten später glich der eingewechsele Hasan Salihamidžić zum 1:1 aus und mit diesem Ergebnis ging es in die Verlängerung. In dieser drückte der Rekordmeister, aber den Blau-Weißen gelang es, ihr Gehäuse sauber zu halten. Somit musste das Elfmeterschießen die Entscheidung bringen und während Bodo Schmidt, Josef Ivanovic, Andreas Golombek und Dirk Hannemann den “Titan” Kahn allesamt überwinden konnten, scheiterten auf Bayernseite die von Ottmar Hitzfeld eingewechselten Jens Jeremies und Giovane Elber. Somit warf der 1. FC Magdeburg den FC Bayern aus dem Wettbewerb. Jener FC Bayern wurde in dieser Spielzeit Deutscher Meister (im denkwürdigen Fernduell mit Schalke 04) und gewann auch, übrigens im Elfmeterschießen, in Mailand gegen Valencia CF die Champions League. Etwa 13 Monate nach dem DFB-Pokal-Aus in Magdeburg holten die Münchner auch gegen die Boca Juniors den Weltpokal. Magdeburg hatte sie geschlagen.

 

Im Achtelfinale war der KSC in Magdeburg zu Gast und wurde mit 5:3 n.V. in einer dramatischen Partie geschlagen. Für Magdebuurg war dann im Viertelfinale Schluss, als der spätere Titelgewinner Schalke 04 gegen den Oberligisten einen von Jörg Böhme verwandelten Strafstoß brauchte, um der furiosen Pokalserie des dreimaligen DDR-Meisters ein Ende zu bereiten.

Insolvenz: Der FCM wieder am Abgrund

Im darauffolgenden Jahr 2001/02 sollte es im Pokal weniger erfolgreich laufen. Bereits in der ersten Runde war daheim gegen den Bundesligisten aus Wolfsburg Schluss, der einen ungefährdeten 5:1-Sieg an der Elbe einfuhr. Auch im Landespokal erreichte der FCM nicht das Finale. In der Liga, in der man es unter anderem mit den großen Westtraditionsvereinen Rot-Weiß Essen, Fortuna Düsseldorf und dem späteren Aufsteiger Eintracht Braunschweig zu tun hatte, gelang zwar sportlich relativ souverän der Klassenerhalt mit elf Punkten Vorsprung, aber nachdem man die Lizenz für diese Saison ja bereits nur unter größtem kurzfristigen Aufwand und einer einmaligen Spendenaktion bekam, gelang den Verantwortlichen dieses Kunststück nicht erneut und der 1. FC Magdeburg musste den bitteren Gang zurück in die Oberliga antreten, obwohl sich der Verein eigentlich sportlich für einen Ligaverbleib qualifiziert hatte.

Bis auf Mario Kallnik, der der neuer Mannschaftskapitän wurde, verließen nach der Insolvenz alle Spieler den Verein. Treu blieben auch die Fans, die den für damalige Verhältnisse nicht schlechten Schnitt von 4.500 Zuschauern in der Regionalliga fast hielten. Um in der Oberliga antreten zu können, rückte die Zweitvertretung der Magdeburger aus der Verbandsliga auf. Auch das Präsidium um Präsident Lutz Trümper, dem aktuellen Magdeburger Oberbürgermeister, zog seine Konsequenzen aus dem Lizenzentzug und trat geschlossen zurück. Der große 1. FC Magdeburg war also erstmal führungslos und mit der eigentlichen Zweitvertretung als erster Mannschaft sowie großen finanziellen Problemen in der Oberliga. Doch auch an diesem Tiefpunkt machten die Magdeburger weiter und erreichten neben einen ordentlichen 10. Platz mit 14 Punkten Vorsprung aufs rettende Ufer wieder das Finale des Landespokals, wo einmal mehr Lok Stendal in Dessau geschlagen wurde, dieses Mal mit 2:0.

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Lutz Trümper

Im Jahr 2003 wurde dann Dirk Heyne, der zwischen 1977 und 1991 323 Mal das Magdeburger Gehäuse hütete, der neue Übungsleiter. Nachdem man im Pokal unglücklich im Elfmeterschießen gegen den MSV Duisburg ausschied, spielte der FCM eine gute Ligasaison, in der man hinter dem VFC Plauen und Carl-Zeiss Jena sowie vor dem HFC den dritten Platz belegte. Im Jahr 2004 beschloss der Magdeburger Stadtrat schließlich, dass das marode Ernst-Grube-Stadion abgerissen werden sollte, um einem modernen Fußballstadion zu weichen. Somit war das letzte Heimspiel der Hinrunde 2004/05 das letzte Spiel des 1. FC Magdeburg im altehrwürdigen Ernst-Grube-Stadion. Standesgemäß wurde der FSV Zwickau mit 3:1 geschlagen. Für die nächsten knapp zweieinhalb Jahre trugen die Blau-Weißen ihre Heimspiele im 4.990 Zuschauer fassenden Heinrich-Germer-Stadion in Sudenburg aus, bevor das uns heute bekannte Stadion die Heimat des Europapokalsiegers von 1974 wurde. Am Ende der Saison 2004/05 belegte der 1. FC Magdeburg einen respektablen fünften Rang in der Oberliga Nordost-Süd.

 

elbsport.com/Martin Leckelt

 

Die bisherigen Folgen unserer Serie:

Die zehn fetten Jahre

Der Ostbomber – Die Jahre des Joachim Streich beim FCM

Die Wendejahre: Zeit des Umbruchs

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