Taktik-Highlights #1 – FCM gewinnt Derby in Unterzahl

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Ein kleine Weile dauert es noch, bis die neue Saison der dritten Liga beginnt. Zeit genug also, um auf die taktischen Meisterleistungen des 1.FC Magdeburg in der vergangenen Spielzeit zurückzublicken. Wie war die Ausgangslage? Was war vom Gegner zu erwarten? Wie reagierte Trainer Jens Härtel auf verschiedene Spielsituationen? Die Erklärungen gibt es in unserer neuen Reihe “Taktik-Highlights”. In der ersten Folge blicken wir zurück auf den dramatischen 2:1-Derbysieg gegen den HFC am dritten Spieltag. 

 

Die Ausgangslage: Der FCM startet überraschend gut in die erste Drittliga-Saison der Geschichte. Zum Auftakt gelingt ein 2:1 Erfolg gegen Rot-Weiß Erfurt. In Mainz muss man sich nach einer 2:0 Führung mit der 2:2-Punkteteilung zufriedengeben. Für das Derby gegen den Erzrivalen aus Halle wählt Trainer Jens Härtel wieder eine 4-2-3-1-Grundformation. Die große Umstellung findet in der Verteidigungsreihe statt. Dort spielt Hainault statt Niemeyer auf der Linksverteidigerposition.

Die Aufstellung: Glinker – Hainault, Handke, Schiller, Butzen – Löhmannsröben, Sowislo – Chahed, Fuchs, Razeek – Beck

Der Gegner: Halle kommt denkbar schlecht, beziehungsweise gar nicht in die Spielzeit. Nach zwei Begegnungen ohne Tor und Punkte steht die Mannschaft im Tabellenkeller. Gegen den ewigen Konkurrenten soll der erste Zähler her. Dafür setzt Coach Sven Köhler, der dienstälteste Profitrainer Deutschlands, auf die gleiche taktische Grundordnung wie der Gastgeber – sprich 4-2-3-1. Auf der Doppelsechs sollen Routinier Ivica Banovic – deutscher Meister und zweifacher Pokalsieger – und der junge Franzose Dorian Diring den Spielaufbau zusammen mit den Innenverteidigern organisieren. Im Gegensatz zum FCM, der in der Offensive auf Abpraller und die Physis von Beck baut, wird beim HFC Mittelstürmer Osawe durch lange Bälle in die Tiefe gefüttert.

Die Aufstellung: Bredlow – Brügmann, Engelhart, Kleinheismann, Rau – Banovic, Diring – Pfeffer, Furuholm, Ziegenbein – Osawe

Der Spielverlauf: André Hainault hat einen misslungenen Einstand. Vom sofortigen Angriffspressing der Gäste unter Druck gesetzt, schlägt der Kanadier kurz nach Anpfiff der Partie am Ball vorbei und Ziegenbein kommt in aussichtsreicher Position auf Rechtsaußen in Ballbesitz. Sekunden später ist es wieder Hainault, der im Strafraum gegen den Außenspieler der Gäste patzt. Ziegenbein bringt den Ball per verunglückten Schuss oder per Pass zu Osawe. Egal, leeres Tor – 1:0 Halle.

In der Folge setzen die Gäste weiter auf zugriffsorientiertes Pressing. Die vier Offensiven – Osawe, Pfeffer, Furuholm, Ziegenbein – geben den Magdeburgern keine Luft zum geordneten Spielaufbau. Lange Bälle des FCM sind die Konsequenz. Die Gastgeber finden keinen Zugriff und Beck muss auf die Außen ausweichen, um zu unterstützen. Auf der Gegenseite nutzt Osawe seine Schnelligkeit und die schlechte Absicherung der FCM-Standards um in der 15. Minute einen Konter zu laufen. Razeek bleibt der Verlierer des Laufduells und fliegt durch sein taktisches Foul mit Gelb-Rot vom Platz.

In Unterzahl: Härtel stellt um und Fuchs blüht auf

Dem geschuldet orientiert sich der FCM um. Chahed rückt nach rechts und bespielt die Position von Razeek. Fuchs ackert nun statt in der Mitte auf der linken Seite. Defensiv spielen die Magdeburger gegen die Überzahl zeitweise mit zwei Viererketten und mannorientierter Raumdeckung, wobei sich die Mittelfeldspieler beim Umschalten auf Ballbesitz mit tiefem Mittelfeldpressing gegen die Hallenser wehren. Insbesondere Fuchs findet offensiv im direkten Duell gegen Rau auf links Chancen zum Raumgewinn. In Minute 33 hat HFC-Abwehrmann Dominic Rau – sinnbildlich für die gute Leistung von Fuchs – keine andere Möglichkeit, als die Nummer sieben des FCM zu foulen. Den Freistoß führt der 33-Jährige selbst aus. Er findet Beck am langen Pfosten sträflich allein, weil Banovic den Stürmer an keinen Abwehrspieler übergibt und der Kroate selbst nicht Schritt halten kann. Trotz Überzahl der Gäste also das 1:1 nach einem Standard.

Zweiter Abschnitt: Beck stört den Spielaufbau vor zwei Ketten

Beide Teams kommen unverändert aus der Pause, da in den letzten Minuten der ersten Hälfte wenig passiert. Der FCM spielt weiter mit einer Viererkette in der Abwehr. Diese orientiert sich mehr am Mann als noch in den ersten 45 Minuten. Davor steht eine weitere Kette: Entweder die vier verbliebenen Mittelfeldspieler als Einheitslinie oder drei auf einer Ebene, wenn einer aus dem Verbund den Ball attackiert. Davor stellt Beck systematisch Innenverteidiger Engelhardt im Spielaufbau zu. Kleinheismann wird von der Sturmspitze ignoriert und nicht angegriffen, da Härtel bei dem Franzosen weniger Anlagen im Spielaufbau sieht. Die Gastgeber stehen kompakt tief und Halle muss in Überzahl das Spiel machen. Oft sind alle Feldspieler in der Hälfte des FCM zu finden, aber Halle verpasst es, das Spiel breit zu machen und mit schnellen Kombinationen die Lücken durch die Gelb-Rote Karte zu nutzen. Sinnbildlich ist, dass Außenverteidiger Bertram nach einem langen Ball in die Schnittstelle zwischen Butzen und Schiller zum ersten Mal gefährlich auf außen in Ballbesitz kommt. Sein Querpass landet allerdings sicher in den Händen von Glinker.

Hin und wieder kann sich das Team von Jens Härtel aus der Daueroffensive der Hallenser befreien. Aber die ersten 15 Minuten in Halbzeit zwei sind fast komplett mit Ballbesitz der Gäste zu beschreiben, die einige gute Aktionen über die Außen starten können. Großchancen aus dem Spiel bleiben vorerst aus. Nach einer Ecke wird der zweiten Ball für Torhüter Glinker gefährlich, weil die Hintermannschaft des FCM nicht richtig herausrückt. Der Routinier hält das 1:1 fest. Nach einem eigenen Freistoß im gegnerischen Halbfeld in Minute 68 ist der FCM abermals auf die Künste seines Hintermanns angewiesen. Wieder haben die Gastgeber in der ungeordneten Umstellung von eigenem Ballbesitz auf Abwehrarbeit Probleme. Furuholm kommt aus knapp 20 Metern frei zum Schuss. Glinker streckt sich und klärt zur Ecke. Magdeburg hat in den folgenden Minuten keinen Zugriff und kaum Ballaktionen. Halle verlagert das Spiel besser auf die Außen und kann die Überzahl nutzen, um zur Grundlinie durchzukommen und Flanken zu schlagen. Die HFC-Daueroffensive kann aus dem Spiel weiterhin keine Großchancen kreieren. Gefährlich wird es nur, wenn der FCM vom schnellen Umschalten der Hallenser überrascht ist und die defensive Ordnung nicht stimmt. Im Kettenspiel gegen die HFC-Überzahl stehen die vier Abwehrspieler im Zentrum sicher und agieren zusammen mit Torhüter Glinker fehlerfrei.

Wer seine Chancen nicht nutzt …

Halle rückt weiter nach vorne, steht zu hoch und verpasst es, knappe zehn Minuten vor Schluss abzusichern. Dann geht es ganz schnell. Brandt, der für Chahed eingewechselt wurde und sich ins Zentrum orientiert, spielt den berühmten „tödlichen Pass“ auf Beck. Der HFC ist zu weit in der gegnerischen Hälfte und Brandt hat genug Zeit, Beck auf die Reise zu schicken. Der zeigt seine Polyvalenz und bringt den Ball im Stile eines Konterstürmers im Tor unter. Halle rennt nun an und – logisch – die Gastgeber spielen auf Zeit und gegen den Ball aggressiver. Das Mittelfeld – zuvor noch im eigenen letzten Drittel als Kette gegen den Ball – rückt nun auf, schaltet sogar im Versuch auf Ballbesitz um und stört die Gäste im Spielaufbau. Löhmannsröben gewinnt den Ball auf der Hallenser Seite und wird gefoult. Das bringt Zeit. Die letzten Minuten schaffen es die Gäste nicht, geordnet ins Offensivspiel zu finden. Lange Bälle Richtung Sechszehner sind das Mittel der Schlussoffensive. Der FCM steht sicher mit zwei Ketten hinten drin und verwaltet das Ergebnis mit Befreiungsschlägen und einem Konter, den Hebisch nicht verwerten kann. Dann ist Schluss in einem denkwürdigen Derby.

Das Fazit: Trotz des sofortigen Rückstands nach dem Doppelfehler von Hainault und der frühen Unterzahl schafft es der defensive Verbund des FCM, durch vertikalen Fußball den Schaden in Grenzen zu halten. Aus dem 4-4-1, in dem Beck den Spielfluss stört, kommen die Gastgeber öfters zu Konterchancen im eigenen Stadion. Beck trifft nach einem Standard, den Fuchs einleitet. Der Assistgeber muss notgedrungen auf die Außenbahn und es zeigt sich, dass das sogar Vorteile bringt. Nach dem Wechsel steht der FCM geordnet mannorientiert, lässt zwar über die Außen Flanken zu, aber die Innenverteidiger und ein überragender Glinker halten das Unentschieden fest. Und dann nutzt Beck den guten Pass von Brandt effektiv, im Gegensatz zu den Gästen.

elbsport.com / Johannes Sill

Johannes Sill

Schreibt am liebsten Nachschüsse, trifft diese zeitweise auch auf dem Platz; hat die Liebe zum SSV Ulm noch nicht aufgegeben; vergibt gerne einfache Großchancen und macht dafür die schwierigen Dinger; "am Ende geht es nur um Klicks"; kämpft im echten Leben weiterhin um einen Profi-Vertrag als "Flügelflitzer"; ehemaliger Spieler der Orlando Pirates
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