Taktik-Highlights #2 – Gute Leistung in Dresden wird nicht belohnt

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Zwar läuft die neue Saison schon, aber die taktischen Meisterleistungen des 1.FC Magdeburg in der vergangenen Spielzeit werden von uns nicht vergessen. Wie war die Ausgangslage? Was war vom Gegner zu erwarten? Wie reagierte Trainer Jens Härtel auf verschiedene Spielsituationen? Die Erklärungen gibt es in unserer neuen Reihe “Taktik-Highlights”. In der zweiten Folge richten wir unseren Blick auf die knappe 3:2-Niederlage in Dresden am 31.10.2015. 

 

Die Ausgangslage: Nach einem guten Start in die Saison hat der FCM seine erste kleine Schwächephase überstanden. Nach vier Unentschieden in Folge (Spieltag 10-13) gelang gegen Wiesbaden endlich wieder ein Sieg. Beim 1:0 in heimischem Stadion spielt Coach Jens Härtel aggressiv mit zwei echten Stürmern (Beck, Hebisch), Chahed auf der Sieben und einem 3-4-3 flach in der Grundausrichtung. Malone köpft gegen Wiesbaden zum Sieg und findet folglich gegen Dresden wieder einen Platz in der Abwehr. Diese muss es gegen Dynamo mit gleich drei Stürmern aufnehmen. Härtel stellt also fünf hinten rein, davor eine Raute und Beck gewohnt als Neuner. Es ist das zweite Mal in der dritten Liga, dass Härtel eine Hand voll Verteidiger aufs Feld schickt. Am 12. Spieltag ging es gegen Kiel 5-4-1 flach ins Spiel. Ein 0:0 war die Folge.

Die Aufstellung: Glinker – Altiparmak, Malone, Handke, Hainault, Butzen – Farrona Pulido, Brandt, Sowislo, Chahed – Beck

Der Gegner: Schon nach nur 14 Spielen ist Dresden dem Rest der dritten Liga enteilt. 11 Siege, zwei Unentschieden und lediglich eine Niederlage heißt die Bilanz vor dem Ost-Derby. Trainer Uwe Neuhaus experimentiert in seiner Grundordnung des 4-3-3 über die gesamte Saison wenig bis gar nicht. Lediglich an der taktischen Ausrichtung und Rotation der Vierer-Dreier-Dreier-Kette dreht der ehemalige Co-Trainer von Matthias Sammer Stellschrauben. Das meist auch ausfallbedingt, was die Grundstärke des Kaders verkraften kann. Die Marschrichtung seines Teams ist offensiv. Die insgesamt 33 Tore sind nach 14 Spielen Top-Wert der Liga. Im Vergleich zum 2:1-Sieg gegen Kiel in der Vorwoche gibt es keine personelle Änderung. Lediglich Mittelfeldspieler Andreas Lambertz soll seine Rolle offensiver interpretieren als noch im Auswärtsspiel zuvor als er mit Moll auf der Doppelsechs agierte.

Die Aufstellung: Blaswich – Müller, Hefele, Modica, Kreutzer – Lambertz, Moll, Aosman – Tekerci, Eilers, Stefaniak

Der Spielverlauf: Dresden überlädt in den ersten Minuten vor allem die rechte Seite. Magdeburg steht relativ tief und presst erst im Mittelfeld gegen den Ball. Stefaniak hat gegen Altiparmak und Malone gute Aktionen, kann aber seine Stürmer nicht in Szene setzten. Defensiv steht das 4-3-3 der Gastgeber zentral und mittig nahe am Mann. Die erste große Chance entwickelt sich aus einem Ballverlust der Dresdener. Moll, der mit seinen beiden Innenverteidigern das Spiel aufbaut, spielt einen unnötig-riskanten Pass, den Pulido halblinks abfangen kann. Beck schaltet am schnellsten und zieht zwischen Innenverteidiger und Moll, der nicht gegen den Fehlpass abgesichert war, an. Schnittstellenpass vom Magdeburger Pulido und Beck spitzelt die Kugel 35 Meter Sprint später in Richtung des langen Pfosten. Dort tuschiert der Ball das Gehäuse, geht aber knapp vorbei. Zwei Minuten später wackelt das Gebälk auf der anderen Seite. Nach einem Freistoß von Topvorbereiter Stefaniak setzt sich Modica nach gut 12 Minuten gegen Handke durch. Der Ball überquert nach krachender Lattenberührung aber deutlich nicht die Linie.

Magdeburg spielt gegen den Mann – Altiparmak hybride, überall

In der Defensivarbeit interpretieren die Außenverteidiger des FCM ihre Rollen sehr offen. Gegen den Ball arbeiten vier und die Raute im Mittelfeld stellt mit dem freien Außenverteidiger die Gegner gut zu. Dynamo spielt zwar mit viel Ballbesitz, aber Raumgewinn entsteht gegen die breite Verteidigung des FCM kaum. Sowislo nimmt Tekerci zeitweise sogar in Manndeckung, wenn sein Gegenspieler in Reichweite der Mittelfeldraute kommt. Was tun, wenn es mit Ballbesitz nicht klappt? Innenverteidiger Hefele schlägt einen langen Ball aus der eigenen Hälfte und in Malones Rücken entläuft ihm Außenverteidiger Kreuzer, der ausnahmsweise invers agiert. Altiparmak spielt seinen Part auf der linken Seite offen, orientiert sich ins Mittelfeld (zeitweise sogar rechts) und somit muss Malone außen ran. (Am nächsten Spieltag gegen Münster korrigiert Coach Härtel die Position von Malone, der als IV an der Seite von Puttkammer, LV, spielt) In dieser Situation kommt der Amerikaner zu spät und Schiedsrichter Dr. Felix Brych zeigt auf den Punkt. Umstrittene Situation. Handspiel oder nicht? Unstrittig, der Stellungsfehler vom US-Boy. 1:0 Dresden in der 21. Minute durch den souveränen Elfmeter von Eilers.

FCM macht auf – Ausgleich entsteht nach Einwurf

Der FCM spielt nach dem Gegentor noch offener gegen den Ball. Altiparmak ist weiter zwischen den Linien unterwegs, weist Malone immer wieder zum Positionswechsel auf. Butzen geht ebenfalls weiter nach vorne. Hinten spielen Malone, Handke und Hainault bei Zeiten Dreierkette. Das bringt zwar im Mittelfeld die berühmte Überzahl, aber insbesondere Malone kann hinten links ein ums andere Mal ausgespielt werden. Das führt aber in der ersten Halbzeit zu keinem weiteren Tor für die Gastgeber. Mit dem Tor im Rücken ziehen sich die Spieler von Dynamo ein Stück weiter zurück und überlassen dem FCM regelmäßig den geordneten Spielaufbau. Dort gehen auch die FCM-Außen weiter nach vorne. Beck bekommt also mehr Hilfe von Chahed und dessen Pendant Farrona Pulido.

Letzterer zeigt in der 35. Minute seine Klasse und zimmert den Ball mit links unter die Latte. Nach einem Abpraller einer Malone Flanke vergessen die Dresdener den Jungspund, geboren in Hamburg, im Rückraum. Die Entstehung des Treffers ist „typisch Magdeburg“ beim Umschaltspiel. Standard, Einwurf, zweiter Ball, Flanke, Abpraller, Querpass, Tor. Soll heißen: wenig Pässe, schnell ins Drittel der Gegner, Unordnung nutzen. Klassischer vertikaler Fußball. Bevor es zum Halbzeittee geht, bringt wieder ein langer Ball die Abwehr des FCM in die Bredouille. Aber Glinker bügelt den erneuten Stellungsfehler seiner Vordermänner aus. Aosman überspielt vorher mit einem Traumpass sage und schreibe neun FCM-Spieler. Eine Packing-Quote bei der jeder ZDF-Zuschauer schockiert vom Sofa fällt.

Nach der Pause: FCM überlädt Außen – Dynamo weiter mit langen Bällen

Das 4-3-3 der Gastgeber zieht nach der Pause Ballbesitz und Angriffe auf die Außenbahnen. Der FCM verschiebt stark in Richtung Ball und macht Kurzpasswege dicht. Somit geht es für Dynamo in der Vorwärtsbewegung mit Direktpassspiel nicht weit. Lange Bälle und riskante Verlagerungspässe sind die Folge. So entwickelt sich ein Aufeinandertreffen von Spielphilosophien. Die Magdeburger spielen defensiv und pressen kaum, wenn überhaupt Anfang des letzten Drittels. Auf der anderen Seite versucht es die Heimmannschaft mit langen Querpässen auf der Suche nach Lücken in der 5er-Kette, die gegen den Ball weiterhin steht und in der Vorwärtsbewegung die Außenverteidiger entlässt. Dresden also mit viel Ballbesitz und der FCM – typisch – lauernd auf Konter und Fehler im Spielaufbau des Gegners.

Interessant ist in den ersten 15 Minuten nach dem Seitenwechsel vor allem die Variation von Dynamos Standards, insbesondere Ecken. Co-Trainer Peter Nemec, seit 2013 bei Dynamo und davor unter anderem Spielertrainer in Siegen, hat in der Trainingswoche vor dem Derby einige Spielzüge am Reisbrett entworfen. Mit Tekerci und Stefaniak stehen zwei Kicker beim Ausführen der Ecken am Ball. Der eine zieht, je nach Seite, den Ball mit Zug zum Tor, der andere weg von Glinker. In einer Salve von Ecken (4 in Folge) spielt Dynamo sowohl kurz als auch lang und einmal sogar ins Halbfeld. Viele Toraktionen und ein Kopfball an die Latte sind die Folge. Der FCM kann sich beim Aluminium und Torhüter Glinker bedanken, dass es weiterhin Unentschieden steht. Auf der Gegenseite kommt der Gast nach einer Einzelaktion vom gut aufgelegten Pulido zu einem Abschluss. Keine echte Gefahr. Danach greifen beide Trainer erstmals zur Bank.

Das berühmte Joker-Tor bringt taktische Veränderung

Härtel stellt dem offensiven Dauerfeuer zum Trotz einen weiteren Defensiven aufs Feld. Für den blassen Brandt kommt Puttkammer in die Partie. Der Schlacks orientiert sich sofort in die Kette und Hainault rückt eine Position nach vorne, gibt den Sechser. Noch mehr Stabilität in der Mitte heißt die Devise für Härtel und dessen Team. Der Wechsel passt ins defensive Gesamtkonzept des FCM an diesem Spieltag. Brandt war wenig im Spielaufbau beteiligt und für die zweite Hälfte der Halbzeit ist weiterhin mit wenig Ballbesitz und Konterfußball zu rechnen. Da braucht es kreative Momente, die die Nummer 14 des FCM in seinen knapp 60 Minuten Spielzeit vermissen ließ, nicht wirklich. Härtel verstärkt mit Puttkammer und Hainault in neuer Rolle lieber die Zentrale und bleibt seinem Konzept treu. Sein Gegenüber Neuhaus ebenfalls. Er bringt für Linksaußen Tekerci den wieder genesenen Pascal Testroet. Das berühmte Händchen des Trainers schlägt zu. Nach langem Ballbesitz des FCM, unterlegt mit Schusschancen von Malone und Co., baut Dresden langsam auf und durch einen tödlichen Pass zieht Testroet an Glinker vorbei. 2:1 für die Hausherren. Aosman findet Testroet, der quer hinter den Innenverteidigern einläuft. Die Zuordnung stimmt in der Hintermannschaft der Gäste nicht. Sowohl Eilers, der ebenfalls sträflich frei nicht an den Ball kommt, als auch Torschütze Testroet werden von Handke und seinen Nebenmännern nicht richtig übergeben. Raum- oder doch Mannverteidigung? In dieser Situation von beidem etwas, nur nicht des Problems gerecht.

Härtel muss aufmachen und Eilers bestraft eiskalt

In den Nachwehen der erneuten Dresdener Führung schöpft Härtel sein Wechselkontingent komplett aus. Vier Minuten nach dem Treffer gehen Chahed und Handke. Mit Razeek und Hebisch kommen zwei Offensive. Neuhaus, mit dem 2:1 im Rücken, bringt für Aosman statt Luca Dürholtz (der sich schon aufgewärmt und vor dem Tor als entscheidende offensive Kraft eingeplant war) doch den etwas defensiveren Andrich. Statt Doppel-8 nun also bei Dresden eher die Doppel-6 im Zentrum. Härtels Einwechslungen sind ebenso kein Grund zur Verwunderung. Offensive muss her. Dafür gibt er die große Kette auf und bringt zudem einen frischen Stürmer. Alitparmak ist nun links mit dem rochierenden Eilers beschäftig und der Stürmer zeigt nach FCM Ballverlust und Druckphase seine Klasse. Im Eins-gegen-Eins geht der kommende Torschützenkönig innen vorbei und schaufelt die Kugel mit einem Lupfer ins lange Eck. Da der FCM aufmachen muss und höher presst, entsteht die Situation auf Außen, die Eilers eiskalt ausnutzt. In den letzten zehn Minuten, als Ergebnis der zwei Tore Führung, gibt es folglich wenig Ballbesitz im mittleren Drittel. Entweder stürmt der Gast im Versuch zum Anschlusstreffer oder es kontert die Heimmannschaft im eigenen Stadion auf der Suche nach dem Schlussakkord. Die 89. Minute zeigt wieder, was den FCM in der ersten Saison ausmacht. Ballgewinn – ein Pass nach vorne – 60 Meter Raumgewinn – Freistoß – Tor. Nach einem Foul an Razeek bringt Malone den Freistoß von Altiparmak im Tor unter. Kreuzer (1,73m) hat im Luftduell mit dem Amerikaner (1,88m) nicht den Hauch einer Chance. Zwei FCM-Eckbälle und einen Altiparmak-Freistoß später muss sich der FCM trotz packender Schlussminuten 2:3 geschlagen geben.

Das Fazit: Bis zur 73. Minute läuft für Härtel und den FCM das Gastspiel beim Klassenprimus nach Plan. Der FCM steht mit den fünf Abwehrspielern gegen den Ball einigermaßen sicher. Lediglich eigene Fehler und gute lange Pässe bringen die Gäste in Gefahr. Im Ballbesitz wird nicht lange gefackelt und schnell nach vorne gespielt. Wäre nur dieser Pass von Aosman nicht gewesen, dann hätten die Magdeburger ihren Matchplan mindestens zur Punkteteilung umgemünzt. So muss der Trainer die Grundordnung aufgeben und seine Fünferkette, in Personalunion Handke, „opfern“. Eilers zeigt seine Qualität im Eins-gegen-Eins und macht somit fast den Deckel drauf. Malone kann in den Schlusssekunden seinen Stellungsfehler aus der ersten Halbzeit wieder gut machen. Dennoch muss sich Härtel eingestehen, dass der Amerikaner auf der Außenposition, die er in der ungeordneten Rückwärtsbewegung bekleiden muss, zu anfällig und langsam ist.

Johannes Sill

Schreibt am liebsten Nachschüsse, trifft diese zeitweise auch auf dem Platz; hat die Liebe zum SSV Ulm noch nicht aufgegeben; vergibt gerne einfache Großchancen und macht dafür die schwierigen Dinger; "am Ende geht es nur um Klicks"; kämpft im echten Leben weiterhin um einen Profi-Vertrag als "Flügelflitzer"; ehemaliger Spieler der Orlando Pirates
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