Taktik-Highlights #5 – Ernst Doppelpack beim Derbysieg

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HFC FCM slide

Zwar läuft die neue Saison schon, aber die taktischen Meisterleistungen des 1.FC Magdeburg in der vergangenen Spielzeit werden von uns nicht vergessen. Wie war die Ausgangslage? Was war vom Gegner zu erwarten? Wie reagierte Trainer Jens Härtel auf verschiedene Spielsituationen? Die Erklärungen gibt es in unserer neuen Reihe “Taktik-Highlights”. In der fünften Folge feiert der FCM den zweiten Derbysieg gegen Halle. Dort ist es Sebastian Ernst, der mit zwei Treffern das Spiel entscheidet.

Die Ausgangslage: Die Winterpause ist Geschichte. Der FCM steht nach dem 21. Spiel in Liga drei auf einem sagenhaften vierten Platz. Mit 21 Gegentoren steht die Elf von Jens Härtel unter den besten Defensiven der Liga. Am ersten Spieltag nach Weihnachten geht es in Halle gleich heiß her und es kommt zur Wiederauflage des Derbys. Härtel bleibt seiner taktischen Linie treu und spielt mit dem gleichen System wie auch im Hinspiel. Personell gibt es neben dem bekannten Rotations-Schema des Trainers eine große Überraschung: Sebastian Ernst kommt von Anfang an und spielt auf der linken Außenbahn, wobei Sowislo die 10 übernehmen soll. Niemeyer verteidigt links und Chahed geht auf der rechten Seite in Richtung Tor. Ein klassisches Härtel 4-2-3-1.

Die Aufstellung: Glinker – Niemeyer, Handke, Puttkammer, Butzen – Löhmannsröben, Brandt – Ernst, Sowislo, Chahed – Beck

Der Gegner: Halle hat sich nach dem schlechten Start gefangen. Zwar kommen die Spieler aus der Chemie-Stadt nicht mehr in die Aufstiegsränge, aber der Puffer nach unten ist groß genug, um von Mittelfeld zu sprechen. Trainer Stefan Böger rückt von der Grundordnung des 4-2-3-1 nicht weg. Vor der Pause gibt es damit gegen Kiel einen 4:1 Kantersieg. Im Vergleich zum Hinspiel in Magdeburg stellt der Coach zwar personell um, aber die Eckgrößen Osawe, Banovic, Engelhart und Kleinheismann sind wie am dritten Spieltag in der Startformation. Dennoch sind es die „Neuen“ Lindenhahn und Aydemir, die sich gegen den FCM auf der Scorerliste verewigen.

Die Aufstellung: Bredlow – Acquistapace, Engelhart, Kleinheismann, Rau – Jansen, Banovic– Aydemir, Bertram, Lindenhahn – Osawe

Der Spielverlauf: Wir erinnern uns an das Hinspiel, in dem der FCM das schnellste Gegentor der Saison kassierte. Ein Fehler führte zum anderen und es stand schnell 0:1 aus Sicht der damaligen Gastgeber. Im Januar 2016 ist die Anfangsphase ebenfalls von Extremen geprägt. Auf der einen Seite kommt der FCM nach Sekunden zum ersten Mal in Tornähe. Auf der anderen Seite verursacht Handke einen Freistoß, weil er eine Flanke mit der Hand abwehrt. Den anschießenden Kick führt Aydemir von links mit Zug zum Tor auf den langen Pfosten aus und Osawe ist nur Millimeter davor den FCM wieder in den Anfangssekunden zu schocken. Es kommt keine Ruhe ins Spiel und beide Teams treiben den Ball schnell durch das mittlere Drittel und in Richtung gegnerischen Kasten. Schon des Öfteren haben wir in der Taktikanalyse von der Blau-Weißen Stärke bei ruhenden Bällen gesprochen. In der vierten Minute führen die Nachwirkungen eines Handke-Einwurfs von rechts zum 0:1 aus Sicht der Hallenser. Sieben FCM Spieler orientieren sich nach vorne und gegen den zweiten Ball, der von Lindenhahn schwach geklärt wird. Brandt gewinnt das entscheidende Kopfballduell und Ernst steht mutterseelenallein im Strafraum. Die Hallenser Verteidiger gehen mit dem vermeintlich geklärten Ball nach vorne und „der Neue“ nutzt die entstandene Unordnung. Ernst steht genau dort, wo er stehen muss: zwischen den Innenverteidigern und Sechser Banovic, der sich wieder ins Mittelfeld orientiert. Deswegen ist der Linksaußen der Magdeburger den berühmten Schritt schneller am Ball und bekommt genug Zug hinter jenen, um ihn an Bredlow, der die Kugel noch berührt, vorbeizudrücken. Wieder also ein Blitztor im Sachsen-Anhalt-Derby – nur in diesem Falle für die Magdeburger.

Mehr Hektik und Derbystimmung

Nach dem Treffer kehrt alles andere als Ruhe ins Spiel ein. Weiterhin geht es für beide Mannschaften schnell nach vorne und schnell nach hinten. Einen wirklich geordneten Spielaufbau lassen vor allem die Gastgeber, die vor heimischer Kulisse mehr vom Spiel und Ballbesitz haben sollten, vermissen. Die Blau-Weißen (am 22.Spieltag ganz in schwarz) lassen dem HFC allerdings auch keine Luft zum Atmen. Mittelfeldpressing ist für die ersten Minuten – auch nach dem 1:0 – die Marschroute für den FCM. Dann heißt es erstmal Rudelbildung auf der linken Magdeburger-Seite, weil Brandt vor der gegnerischen Bank attackiert wird und dem das so nicht gefällt. Emotionales beiseite ist in der Anfangsviertelstunde ebenfalls die linke Seite häufiger im Blickpunkt als die rechte. Für die Gäste wirbelt Ernst im gegnerischen Drittel um Banovic herum, dem Hallenser fehlt die Spritzigkeit um am Mann zu bleiben – oft bleibt dem Routinier da nur die Möglichkeit „Foul“. Dafür hat der Magdeburger Neuzugang nach hinten Abstimmungsschwierigkeiten. Löhmannsröben muss zusammen mit Niemeyer und Ernst gegen Lindenhahn und den aktiven Außenverteidiger Rau ran. Das funktioniert nicht immer komplett perfekt. Vor allem Lindenhahn muss gedoppelt werden, weil er im direkten Duell gegen beide Magdeburger Spieler, die für ihn zuständig sind, Vorteile hat.

Ausgleich durch Übezahl

Halle rennt nun an. Der FCM bekommt nur noch wenig Befreiungsmöglichkeiten gegen Hallenser, die ballsicherer als noch in den Anfangsminuten agieren. Das Zentrum von Jens Härtel steht aber – wie immer – bombensicher und lediglich Angriffe über Außen oder schnelle Spielverlagerungen bringen echte Gefahr für Jan Glinker. Zumeist ist „am gegnerischen Sechszehner Schluss“, weiß auch der clevere MDR-Moderator. Der sieht auch, dass Sowislo aufgrund einer Wunde am Arm kurz vom Feld muss und der HFC daraus Profit schlägt. In Überzahl gelingt mit mehr Platz im Mittelfeld die Spielverlagerung von der schwächeren linken Seite auf rechts. Dort steht Lindenhahn alleine gegen Niemeyer, weil Löhmannsröben aufgerutscht ist, um für den abstinenten Sowislo das Zentrum zu schließen. Der geborene Hallenser Lindenhan lässt dem Verteidiger keine Chance und platziert den Ball zudem perfekt links unten – da kann sich Glinker strecken, wie er will. Sowislo blutet zwar nicht mehr und darf zurück aufs Feld, dafür steht es allerdings in der 32.Minute 1:1.

Die Magdeburger orientieren sich nach dem Gegentreffer wieder weiter nach vorne. Die vier Angreifer pressen den Ball und forcieren Halle auf links, wo der FCM Vorteile hat. Bei Ballbesitzt gibt es für den FCM weniger Druck. Lediglich Osawe ist ständig präsent. Der Rest der Heimmannschaft lässt den Gegner kommen. Mehr als lange Bälle kommen in den letzten zehn Minuten der ersten Halbzeit nicht dabei raus. Den Schlusspunkt setzt der Hallenser Torschütze, der das 2:1 machen muss. Niemeyer, dem Härtel auch im folgenden Spiel vertraut, bekommt den Ball im Mittelfeld nicht unter Kontrolle und eröffnet seinem Angstgegenspieler Lindenhahn einen freien Weg zum Tor. Glück für den FCM, dass der Schütze dieses Mal nicht platziert wie noch 12 Minuten zuvor, sondern Glinker förmlich abschießt.

Ernst und Chahed polyvalent

Den ersten Aufreger nach der Pause gibt es wieder vor dem Kasten Glinkers. Nach sechs Minuten ohne geordneten Spielaufbau überbrückt Osawe durch seine Schnelligkeit drei Magdeburger. Aydemir steht durch den rapiden Ballwechsel von Rechtsaußen Richtung Tor in der Mitte alleine. Am platzierten Torschuss hindert ihn nur der Rasen, der den Ball verspringen lässt. Die Gäste schaffen es nicht mit Überzahl auf ihrer linken Seite zuzugreifen und können sich beim Platzwart und den Witterungsverhältnissen bedanken, dass es weiterhin 1:1 steht. In der Folge ist Osawe immer häufiger auf der rechten Angriffsseite zu finden, setzt dort Niemeyer schwer unter Druck und schafft es bis zur Grundlinie. Dann fehlen aber zumeist direkte Anspielmöglichkeiten in der Mitte, weil weder Aydemir noch Bertram als echte Sturmspitzen agieren können und die Abstimmung fehlt.

Halle verteidigt zudem aggressiver als noch in Halbzeit eins. Bertram und Osawe stehen gleich hoch und attackieren Niemeyer, Handke und Puttkammer im Spielaufbau (Butzen spielt wie so oft bei Ballbesitz im rechten Mittelfeld). Die Magdeburger können den resultierenden Platz im zweiten Drittel nutzen. Chahed und Ernst helfen sich gegenseitig, indem beide bei Ballbesitz auf der jeweils anderen Seite dem Gegenüber zur Hilfe kommen. Bei Einwürfen ist dies am besten zu erkennen. Wirft der FCM auf der linken Seite ein, kommt Chahed weit auf die Seite seines Außensturmpartners und schafft eine weitere Anspielmöglichkeit. Zieht Chahed selbst mit dem Ball über die Mitte hinaus, hinterläuft Ernst und bekleidet wiederrum die rechte Seite. Verlieren die in Schwarz gekleideten den Ball oder kommen zum Abschluss, orientieren sich die Beiden nach Wechsel des Ballbesitzes wieder auf ihre angestammte Seite. Definition von Polyvalenz und guter Abstimmung. Somit kann man Ernst von Abstimmungsschwierigkeiten nach vorne lossprechen. In der Defensive bleibt die linke Seite allerdings an diesem Tag die Schwachstelle.

Überzahl im Strafraum – Treffer durch Fehler

Ein Torwartfehler macht Ernst in der 68. Minute zum Helden. Bredlow wird von Beck unter Druck gesetzt und im Vergleich zu seinem Gegenüber Glinker kann der HFC-Schlussmann nicht mit beiden Füßen gleichgut abschlagen. Chahed steht exakt richtig und presst den zweiten Ball im Zentrum. Ernst ist gedankenschnell, zieht über links an und bringt den Ball im langen Eck unter. 2:1. Halle ohne Absicherung nach dem verunglücken Befreiungsschlag des Torhüters. Zum Zeitpunkt des Treffers sind vier Magdeburger und nur drei Hallenser Feldspieler im Sechszehner zu finden. Das zeigt, wie sehr ein solch verunglückter Abschlag Überzahlsituationen schaffen kann und förmlich nicht zu verteidigen ist.

Das folgende Prozedere ist den FCM-Fans bekannt: mehr Spieler hinter dem Ball, auf Konter lauern und das Zentrum schließen. Wenig geht deshalb für den HFC aus dem Spiel heraus. Lediglich Bertram kann sich mal durchtanken und so Gefahr schaffen. Über die Außen gibt es zwischen dem zweiten Magdeburger Treffer und der ersten Auswechslung des Spiels nichts anzubieten. Die Konsequenz zieht Trainer Böger aus Hallenser Seite in der 75. Minute. Mit Kleineheismann geht ein IV und es kommt ein MS. Noch 15 Minuten zu spielen und ein Tor im Rückstand – da muss Offensive her. Folglich der HFC mit Dreierkette, aber Magdeburg bleibt weiter mit den Angriffskräften in der gegnerischen Hälfte und spielt hart gegen den Ball – allerdings auch nur bis Minute 80. Danach heißt es Abwehr gegen Angriff beziehungsweise Magdeburg mit einigen Befreiungsschlägen, aber Halle spielt am Ende alles auf Angriff. Die Wechel von Härtel sind auch weniger taktische als zeitorientierte Maßnahmen (82‘ Hebisch für Ernst, 87‘ Bankert für Chahed, 90‘ Fuchs für Beck). Halle kommt trotz viel Ballbesitz nicht in aussichtsreiche Positionen. Lange Bälle aus dem Halbfeld und wenig Ideen im Zentrum reichen nicht für ein Unentschieden.

Das Fazit: Die Anfangsphasen beider Hälften sind mehr von Hektik als von taktischer Finesse geprägt. Aber vor allem in den ersten 45 Minuten bekommen die Zuschauer ein attraktives Spiel ohne viel Mittelfeld zu sehen. Entsprechend fällt das 1:1 auch aus einer unnatürlichen Situation, in der der FCM verletzungsbedingt in Unterzahl agieren muss. Beide Magdeburger Tore sind typisch für den aggressiven Fußball, den Härtel gegen den Ball spielen lässt. Nutzen die Blau-Weißen ihre Chancen nach hartem Pressing, gibt es während der Saison viele gute Ergebnisse. Dass Ernst beide Tore markiert, spricht für die individuelle Klasse des Youngsters, da er in beiden Situationen gedankenschnell agiert und den „richtigen Riecher“ hat. Wieder zeigt sich, wenn der FCM in Halbzeit zwei führt, sind viele Teams (auch Halle) selbst zu schwach, um das Spiel selbst in die Hand zu nehmen und zu drehen. Passiert den Blau-Weißen kein eigener Fehler, ist der Abwehrriegel insbesondere durch die Mitte kaum zu überwinden.

Johannes Sill

Schreibt am liebsten Nachschüsse, trifft diese zeitweise auch auf dem Platz; hat die Liebe zum SSV Ulm noch nicht aufgegeben; vergibt gerne einfache Großchancen und macht dafür die schwierigen Dinger; "am Ende geht es nur um Klicks"; kämpft im echten Leben weiterhin um einen Profi-Vertrag als "Flügelflitzer"; ehemaliger Spieler der Orlando Pirates
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